Auf dem Weg zu einer kohlenstofffreien Mobilität

Im Zeitalter der Energiewende, die infolge der gegenwärtigen Umweltprobleme an Fahrt aufgenommen hat, stellt die Dekarbonisierung eine entscheidende Herausforderung für unsere Gesellschaften und deren wirtschaftliche und soziale Modelle dar. Unter Dekarbonisierung versteht man das Bestreben, nachhaltigere Alternativen für fossile Brennstoffe zu erschliessen und deren Einsatz somit schrittweise zu reduzieren, unter anderem, indem vermehrt erneuerbare Energien eingesetzt werden. Im Rahmen der Dekarbonisierung sind wir aufgefordert, die Nutzung von Primärenergien, die Treibhausgase verursachen, zu überdenken.

Verkehr als Treiber der Energiewende

Einer der Bereiche, der in den politischen Initiativen zugunsten einer kohlenstoffarmen Wirtschaft besonders viel Beachtung findet, ist der Verkehr. Und dies hat gute Gründe: Die Branche ist eine der wenigen, deren Beitrag zum Treibhausgasausstoss in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen ist (22 % im Jahr 1990, 24 % im Jahr 2017). Der Verkehr ist ein bedeutender Mitverursacher unserer Umweltprobleme – dies hat sich in der Corona-Pandemie bestätigt, denn zwischen Januar und April 2020 sank der Anteil des Verkehrs an den Treibhausgasemissionen um 8,6 %.

Frankreich muss gemäss den Auflagen des Weltklimarats IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) und im Rahmen seiner im Jahr 2015 erarbeiteten Nationalen Strategie für die Senkung der Kohlenstoffemissionen (Stratégie Nationale Bas-Carbone) seine Emissionen im Verkehrswesen um 40 % senken. Dabei liegt das Augenmerk insbesondere auf der vorherrschenden Stellung der Personenwagen. In Frankreich macht der Individualverkehr für kurze Strecken (in einem Umkreis von 80 km) Schätzungen zufolge nämlich 70 % der Verkehrsemissionen aus.

Stadtentwicklung und Mobilität sind eng verbunden

Stadtentwicklung und Mobilität sind zwei Seiten derselben Medaille. Im Laufe des 20. Jahrhunderts ermöglichten die immer schnelleren Fortbewegungsmöglichkeiten durch die Entwicklung des Automobils und der entsprechenden Infrastruktur, dass es sich immer mehr Haushalte leisten konnten, aufs Land zu ziehen. Diese räumlicheAusdehnung der Städte (die in Frankreich zur Entstehung ganzer Vorstädte aus Einfamilienhäusern und zur Besiedelung der Stadtrandgebiete führte) ging jedoch nicht mit einer passenden Verkehrspolitik einher. Die Folge war eine Abhängigkeit vom Auto, mit dem Ergebnis, dass zwar die im Auto zurückgelegten Strecken in den Stadtzentren nur 2 bis 3 % der Emissionen ausmachen, die Fahrten aus und in die Städte jedoch mehr als 50 %. Eine Dekarbonisierung der Städte bedingt daher zwingend eine Senkung der Kohlenstoffemissionen im Verkehr.Doch wie das geschehen soll, darüber wird heftig diskutiert.

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Welche Lösungsansätze gibt es?

Bei der Dekarbonisierung des Autoverkehrs geht es nicht nur darum, Negativanreize zu schaffen, damit die Bevölkerung das Privatauto weniger häufig benutzt. Vielmehr sollen neue Dienste und Alternativen entwickelt werden, damit das Auto bzw. dessen Nutzung quasi von selbst überflüssig wird. Dazu gibt es beispielsweise folgende Möglichkeiten:

  • die Einrichtung von Radwegen und Velostreifen, insbesondere an den Stadträndern, um die Nutzung neuer Fortbewegungsarten zu fördern;
  • die Senkung des Tempolimits von 130 auf 110 km/h auf den Autobahnen – damit reduziert man die CO2-Emissionen um 25 % und beschränkt die Ausdehnung der Städte und somit deren Umweltbelastung;
  • die Belebung, Verdichtung und optimalere Nutzung der städtischen Randgebiete (Verbesserung des Angebots an Läden, Dienstleistungen, ÖV etc.);
  • die Sicherstellung der Intermodalität im Verkehr für die Strecken von den Vorstädten und Randgebieten in die Stadtzentren (Park-and-Ride-Parkplätze, neue Dienstleistungen, Einsatz digitaler Technologien für eine bessere Nutzung der Infrastruktur usw.).

Finanzierungsproblem Dekarbonisierung

Wie bei vielen Initiativen der letzten Jahre steht die Dekarbonisierung vor dem Problem rigider Regierungsstrukturen und einer zu geringen Beachtung ihrer Finanzierung. Lösungsansätze umfassen etwa Pilotprojekte zur Erhebung von Gebühren für die Strassennutzung (Road Pricing). Oder man verfolgt einen «intelligenteren» Ansatz und schafft Mehrwert durch ein Angebot an neuen digitalen Tools und Dienstleistungen. In diesem Zusammenhang spricht man von Mobility as a Service, MaaS.

Intelligente Mobilität

Die Kohlenstoffemissionen im Verkehr zu reduzieren, bedingt in erster Linie eine gute Kenntnis der betroffenen Region, ihrer Dynamiken und Verkehrsflüsse. Diese müssen überwacht und kontinuierlich optimiert werden, und zwar durch neue Dienstleistungen und die Umsetzung stadtplanerischer Massnahmen.

«Wir sind stetig bestrebt, unsere Zeit optimaler zu nutzen. Die Städte sind unser Arbeitsprogramm und wir suchen nach geeigneten Mitteln, um dieses zu optimieren. Je umfassender und schneller das Verkehrsangebot, desto voll bepackter ist unser Arbeitsprogramm.» – Jean Coldefy, ehemaliger stellv. Leiter der Abteilung städtische Mobilität von Lyon.

Herausforderungen, die nicht nur die Umwelt betreffen

Seit Kurzem stellen sich die Herausforderungen rund um die Dekarbonisierung nicht mehr nur aus Sicht der Umweltbelastung, sondern sie haben auch eine gesundheitliche Dimension erhalten. Die jüngsten Berichte der französischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, Umweltschutz und Arbeitsschutz (Agence nationale de sécurité sanitaire de l’alimentation, de l’environnement et du travail, ANSES) bestätigen, dass Feinstaub – der durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe entsteht – schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Das Einatmen von Feinstaub schädigt die Lungen, das Herz-Kreislauf- und sogar das Nervensystem. Ein 2016 veröffentlichter Bericht hatte die durch die Luftverschmutzung verursachten vorzeitigen Todesfälle in Frankreich auf 48 000 pro Jahr geschätzt. Eine neue Studie geht nun gar von mehr als 97 000 Todesfällen aus. Mit anderen Worten: Nach dieser Schätzung sind 17 % aller jährlichen Todesfälle in Frankreich auf die Luftverschmutzung zurückzuführen.

Einschätzung des Kompetenzzentrums Smart City: Die hier dargelegten neuesten Erkenntnisse im Hinblick auf die gesundheitlichen und ökologischen Probleme zeugen von einer gewissen Unkenntnis unserer Umgebung. In Zukunft wird sich die Überwachung der Luftqualität auf immer leistungsfähigere und detailliertere Messmethoden abstützen können, um geeignete Lösungen zu finden, sowohl was die Luft draussen als auch in den Gebäuden betrifft. Die digitalen Technologien spielen hierbei eine wesentliche Rolle: Sie unterstützen das Sammeln, Verarbeiten und Analysieren von Daten, das Suchen nach Lösungen, aber auch die Datenübermittlung.

Könnte es sein, dass saubere Luft bald zum Treibstoff der Zukunft wird, der unsere Körper antreibt? Vielleicht ist das gar nicht so abwegig, denn saubere Luft hilft, einen klaren Kopf zu behalten.

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