„Die 15-Minuten-Stadt“, ein Smart-City-Modell, das sich auf die Nachbarschaft konzentriert

Eine weitreichende Umweltkrise in Verbindung mit einer weltweit kritischen Gesundheitslage prägen unsere heutige Zeit. In diesem beispiellosen Kontext wird deutlich, wie anfällig unsere Städte und ihre Funktionsweisen sind, denn mit rund 80 % der Treibhausgasemissionen sind sie die Hauptverursacher unserer aktuellen Umweltweltprobleme, und auch von der Coronakrise wurden sie besonders hart getroffen. Unsere urbanen Räume in ihrer heutigen Form zeugen von einem alarmierenden Mangel an Anpassungsfähigkeit. In den letzten Jahren haben sich jedoch verschiedene Modelle zur Umgestaltung unserer Städte (wieder) entwickelt. Ihr Ziel ist immer das gleiche: nachhaltigere und resilientere Städte zu schaffen. Eines dieser Modelle macht immer häufiger von sich reden: die 15-Minuten-Stadt (auch Stadt der Viertelstunde oder Human Scale genannt).

Was steckt dahinter?

Die Idee der 15-Minuten-Stadt geht auf den Professor und Smart-City-Experten Carlos Moreno zurück. Sie besagt, dass alle wichtigen städtischen Dienstleistungen (Bildung, Gesundheitswesen, Geschäfte, öffentlicher Nahverkehr, Grünanlagen usw.) für sämtliche Stadtbewohnerinnen und -bewohner innerhalb von 15 Minuten von ihrem Wohnort aus zu Fuss oder mit dem Velo direkt erreichbar sein sollten. Der Ansatz dient der Wiederbelebung der Quartiere; und insbesondere die örtliche Verbundenheit gilt als wichtiges Element zur Verbesserung der Lebensqualität aus ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht.

Herausforderungen

Die 15-Minuten-Stadt versteht sich als Alternative zur «Stadt der Zukunft». Das Modell bietet zugängliche, nachhaltige, resiliente und qualitative Räume und trägt so dazu bei, unsere Städte an die derzeitigen ökologischen Herausforderungen anzupassen. Indem die 15-Minuten-Stadt den Langsamverkehr und eine Rückbesinnung auf das örtliche Umfeld fördert, widerspricht sie jedoch der traditionellen Planung unserer Städte, die häufig zubetoniert, überdimensioniert und auf den Autoverkehr ausgerichtet sind.

Die Coronakrise als Anstoss für die 15-Minuten-Stadt

2020 war insofern ein besonderes Jahr, als es unsere räumliche Mobilität drastisch einschränkte. Die Menschen in den Städten hatten keine andere Wahl, als sich mit der Umgebung rund um ihren Wohnort abzufinden. Dadurch traten tiefe territoriale Gräben zutage, insbesondere, was den Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen betrifft. Das Aufzeigen der Probleme in unseren Städten durch die Krise bietet jedoch die Chance, unsere Städte so zu überdenken, dass sie in Zukunft eine überschaubarere, «menschlichere» Grösse erhalten. Aus politischer Sicht ermöglichte die Krise eine gewisse Agilität mit schnellen und kostengünstigen Lösungen (Ausbau von Velowegen, Begrünung usw.).

Initiativen mit unterschiedlicher Spannweite

Politikerinnen und Politiker, Verbände, Start-ups und Gemeinschaften beteiligen sich jeweils auf ihre Weise an der Schaffung oder Wiederbelebung attraktiver Räume mit dem gemeinsamen Ziel, ein harmonischeres urbanes Umfeld zu schaffen, räumliche Ungleichheiten zu überwinden und das soziale Miteinander zu fördern. Zu diesen Initiativen gehört in Frankreich etwa das Unternehmen PICNIC, das temporäre Architektur in Form von modularen, sich weiterentwickelnden und vernetzten Fahrzeugen (Foodtrucks, Stände etc.) entwickelt. Oder der Verein «La Cloche», der den Zugang zur Kultur fördern möchte, indem er Veranstaltungen und Treffen in der Nachbarschaft organisiert. Auch C40, ein globales Städtenetzwerk für den gemeinsamen Kampf gegen den Klimawandel, hat die 15-Minuten-Stadt kürzlich in den Mittelpunkt seiner gemeinsamen Agenda gestellt.

Auf städtischer Ebene greifen verschiedene Projekte diesen Ansatz auf, zum Beispiel das autofreie Ökoquartier Merwede in Utrecht, Niederlande, oder die Insel von Nantes (île de Nantes) in Frankreich, bei deren Wiederbelebung Gemeinsamkeit, Wohlbefinden, Mobilität und Resilienz im Vordergrund standen. Die Stadt Paris hat sich dafür entschieden, die Schule als Ausgangspunkt der Quartiere festzulegen, und stellt sie somit in den Mittelpunkt einer nachhaltigeren, attraktiveren und einladenderen Vision der Stadt.

Die zeitliche Dimension: der Kern der 15-Minuten-Stadt

Die zeitliche Dimension ist der zentrale Aspekt der 15-Minuten-Stadt. Das Modell basiert darauf, dass der Raum und seine Nutzung zwingend optimiert werden müssen. In diesem Sinne schlägt es vor, den Raum zu unterschiedlichen Zeiten für vielfältige Zwecke zu nutzen. Diese pluralistische Nutzung kann sich auf verschiedene Weise äussern:

  • Gleichzeitig: Die U-Bahn von Seoul fördert die Entwicklung der Gegenden rund um ihre Haltestellen und trägt somit zur Lebendigkeit der Quartiere bei.
  • Zu unterschiedlichen Zeiten: Bestimmte Strassen werden in Südkorea und Japan am Wochenende zu Fussgängerzonen.
  • Saisonal: Bestehende Einrichtungen werden für ein bestimmtes Ereignis genutzt, etwa bei den Olympischen Spielen.
  • In Echtzeit: Auf Grundlage der Augmented Reality findet eine neue Nutzung statt.

Der sogenannte Chrono-Urbanismus muss, um optimierte Dienstleistungen anzubieten und die Entwicklung und Attraktivität der Stadt zu fördern, den jeweiligen Rhythmus der Städte verstehen. Dazu gehört, bestimmte Tageszeiten, den Zyklus von Tag und Nacht sowie von Werktagen und Wochenenden, die Ferienzeiten, die Jahreszeiten usw. zu berücksichtigen. Obwohl die digitale Dimension (noch) nicht direkt mit dem Konzept verbunden ist, umfasst die 15-Minuten-Stadt eine intelligente Dimension, dank der das Angebot an Dienstleistungen und ihre Funktionsweise optimiert werden können.

Abschliessend kann festgehalten werden: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die 15-Minuten-Stadt durchsetzt, denn sie ist schon heute fast überall auf dem Vormarsch.

Quellen:

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