Die Smart Cities unserer Welt: ein Überblick

Der Begriff „Smart City“ wird meist in der Einzahl verwendet, als ob es sich um ein klar definiertes und eindeutiges Modell handeln würde. Das Europäische Parlament beschreibt eine Smart City als eine „Stadt, die öffentliche Anliegen gestützt auf die Informations- und Kommunikationstechnologie durch Partnerschaften mit kommunalen Initiativen und unter Einbezug verschiedenster Akteure zu lösen sucht“: eine zwar korrekte, aber äusserst schwammige Definition.

Der Begriff der Smart City bezieht sich in erster Linie auf den eigentlichen Stadtgedanken: Es handelt sich um ein politisches und kulturelles Konstrukt und weniger um ein technologisches Objekt. Ausgehend von dieser Feststellung sollen nachfolgend einige unterschiedliche Modelle von Smart Cities auf der ganzen Welt vorgestellt werden.

Asien: intelligente Überwachung

In den letzten Jahren haben wir viel über chinesische Smart Cities gehört, und nicht immer waren die entsprechenden Berichte positiv. China ist bestrebt, seine autoritäre Politik mithilfe digitaler Technologien durchzusetzen. Dazu nutzt das Land hauptsächlich künstliche Intelligenz und Überwachungstechnologie und regiert de facto mittels IT-Systemen, dank denen der Staat das Tun und Lassen seiner Bürgerinnen und Bürger und der ganzen Gesellschaft lückenlos beobachten kann. Der Wille zur Kontrolle der Bevölkerung (anhand des „Social Credit“-Systems, bei dem jede Bürgerin und jeder Bürger bewertet wird) geht einher mit einer Stadtentwicklung ohnegleichen in den letzten Jahren. Das chinesische Modell lässt sich anhand von Städten wie Peking, Shanghai oder Shenzhen illustrieren: Es legt den Schwerpunkt auf die Effizienz der Städte und die Bekämpfung von unerwünschtem Verhalten. Partizipation, Umweltaspekte oder ein massvoller Umgang mit digitalen Technologien spielen dabei keine Rolle. Die chinesischen Städte werden somit zum Klischee einer kalten und undurchsichtigen Smart City, die an jeder Ecke mit Kameras und Sensoren ausgerüstet ist.

Ein völlig anderes Beispiel in Asien ist die Smart City Singapur, die weltweit als die fortschrittlichste ihrer Art angesehen wird. Dem Stadtstaat ist es gelungen, seine physischen Grenzen durch die Nutzung digitaler Technologien zu erweitern. Singapur ist seiner Zeit voraus und profitiert von äusserst flexiblen gesetzlichen Rahmenbedingungen. Dadurch kann die Stadt ihren Bürgerinnen und Bürgern den Alltag erleichtern, etwa hinsichtlich Lebensqualität, Bildungswesen oder Mobilität. Die Technologie wird häufig gelobt, weil sie Innovationskapazität fördert und Möglichkeiten für Bürgerbeteiligung und Optimierungen schafft. Ihre Allgegenwart kann jedoch auch Fragen hinsichtlich ihres tatsächlichen Nutzens und des Schutzes der Privatsphäre aufwerfen. Umstrittene Beispiele dafür sind etwa die Überwachung von Corona-Infizierten mithilfe elektronischer Armbänder oder neuartige Modelle von Strassenbeleuchtung mit eingebauter Gesichtserkennungstechnologie.

Europa: eine bescheidenere und bürgernahe Vision

Als erstrebenswertere Modelle der Smart City mit mehr Lebensqualität gelten Städte wie Kopenhagen oder Amsterdam. Sie haben erfolgreich bescheidenere Projekte umgesetzt, die jedoch hinsichtlich Energie (Fernwärmenetze), Mobiliar (intelligente Abfallcontainer) oder Verkehr (Langsamverkehr) nicht weniger effizient sind. Ein lokal bereits tief verankertes Umweltbewusstsein, kombiniert mit der Digitalisierung, ermöglichte eine beispiellose Verwaltung, die sich durch Experimentieren, Zusammenarbeit und Austausch unter den verschiedenen Akteuren vor Ort auszeichnet.

Die Digitalisierung stärkt politische Initiativen auf lokaler Ebene im Hinblick auf die Energiewende, denn sie dient als Speerspitze einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Zu beobachten ist dies beispielsweise in San Francisco, wo man auf Umweltschutz und Innovation setzt, oder, vor einem ganz anderen Hintergrund, in Afrika, wo es um eine intelligente Nutzung der lokalen Ressourcen geht, in erster Linie im Rahmen eines Lowtech-Ansatzes.

Afrika: zwei entgegengesetzte Visionen – zwischen schneller technischer Problembehebung und Respekt der Traditionen

In den letzten Jahren sah sich der afrikanische Kontinent infolge einer Urbanisierung ohnegleichen gezwungen, seine Städte neu zu planen. Man schätzt, dass es bis 2050 fast 1 Milliarde neuer Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner geben wird. Damit stellt die Städteentwicklung in Afrika eine bedeutende ökologische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderung dar. Dahinter verbergen sich jedoch zwei entgegengesetzte Visionen.

Auf der einen Seite diejenige einer afrikanischen Smart City, die modernistisch geprägt ist und ein neues Modell der afrikanischen Städte von Morgen schaffen will, das sich von den heutigen Städten deutlich unterscheidet. Neue, hochtechnologische Städte dieser Art wurden bereits vielerorts aus dem Boden gestampft. Beispiele sind Sémé City in Benin, Akon City in Senegal, Yennenga in Burkina Faso und Al-Masa in Ägypten. Sie wurden von einer bestimmten Bevölkerungsschicht für sich selbst gebaut und stehen meist in der Kritik, weil sie elitär und ausgrenzend sind und gleichzeitig eine sterile Vision der Städte der Zukunft verkörpern, die ihre natürliche Umgebung völlig ausser Acht lässt.

Auf der anderen Seite findet sich ein traditioneller Ansatz, bei dem versucht wird, die neuen Technologienzugunsten einer integrativen Gemeinschaft zu nutzen. Diese Vision der Städte der Zukunft baut auf einem kollektiven und bürgernahen Ansatz auf und versucht, die Stadt in ihrer Umgebung, mit ihren Ressourcen und ihren Einwohnerinnen und Einwohnern zu gestalten und Start-up-Unternehmen zu fördern, welche die Konzepte der Umverteilung und der Inklusivität berücksichtigen.

Amerika: wenn Unternehmen die Kontrolle über die Stadt übernehmen

Vor einem ganz anderen Hintergrund haben einige Stadtverwaltungen beschlossen, die Gestaltung eines neuen Quartiers ihrer Stadt einem privaten Betreiber anzuvertrauen, damit dieser seine eigene städtische Vision planen, gestalten und umsetzen kann. Ein Beispiel dafür ist das Projekt Quayside in Toronto. Dort erhielt die Firma Sidewalk Labs (eine Tochtergesellschaft von Google) freie Hand, um ein ehemaliges Industriegebiet zum „innovativsten Ort der Welt“ zu machen und neu zu beleben. Doch am zweitgrössten Finanzplatz des Kontinents sah sich das Bestreben, ein weltbekanntes Labor für die Stadtplanung der Zukunft zu schaffen, angesichts eines Internetriesen, der personenbezogene Daten sammeln und nutzen wollte, rasch mit Widerstand und Zweifeln konfrontiert. Die Abwehrhaltung der Lokalverwaltung und der Zivilgesellschaft rund um die Gebietshoheit und den Überwachungskapitalismus war so gross, dass das Projekt im Mai 2020 schliesslich abgebrochen wurde.

In einem anderen Teil des amerikanischen Kontinents realisierte die kolumbianische Stadt Medellin ein umfangreiches Smart-City-Projekt, um ihren durch Gewalt geschädigten Ruf zu verbessern. Das gesamte Stadtgebiet wurde mit einem dichten Netzwerk an öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen, um Start-up-Unternehmen aus der ganzen Welt anzulocken und so die Stadt gemeinsam mit den verschiedenen lokalen Akteuren und insbesondere ihren Bewohnerinnen und Bewohnern zu gestalten. Ein Beispiel für diesen gemeinschaftlichen Ansatz ist Ruta N, ein inklusives, innovationsförderndes Ökosystem, das die lokalen Akteure zusammenbringt.

Eine wissenschaftsgestützte Typologie

Die genannten unterschiedlichen Visionen der Smart City erinnern an die vier Szenarien der digitalen Stadt, die 2017 von Nicolas Douay entwickelt wurden.

  • Eine algorithmische oder von Experten gesteuerte Stadtentwicklung: Sie stützt sich auf den Zugang zu zusätzlichen Daten und auf die Technologie als Lösung für alle Probleme, trotz der Befürchtung einer breitflächigen und sterilen Kontrolle. Man setzt auf die Entwicklung technischer Lösungen – ohne eine Debatte darüber zu führen (chinesisches Modell)
  • Eine uberisierte Stadtentwicklung unter dem Druck eines fortschreitenden städtischen Kapitalismus: Hierbei erfolgt eine Privatisierung der Stadt durch die Digitalwirtschaft, und die öffentlichen Akteure werden durch neue Akteure in der Stadtentwicklung herausgefordert (Projekt Quayside, Toronto)
  • Eine Wiki-Stadtentwicklung auf der Suche nach einer alternativen Stadt: Die Bürgerinnen und Bürger nehmen sich der Fragen der Stadtentwicklung an und verfolgen alternative Modelle der Demokratie wie etwa die „Civic Tech“-Bewegung (Amsterdam)
  • Eine Open-Source-Stadtentwicklung durch die Veränderung der Praxis der Stadtplanungsinstitutionen: Die Digitalisierung schafft neue Ressourcen, wodurch die Wende hin zu einer kollektiven Steuerung der Stadtentwicklung greifbarer wird, indem die Akteure in der Stadt einen Dialog miteinander führen und die Möglichkeiten der Teilhabe wiederaufleben lassen (Kopenhagen)

Einige Modelle scheinen sich stärker durchzusetzen als andere; dennoch ergänzen sich diese verschiedenen Ansätze und sollten nicht als Gegensätze wahrgenommen werden. Singapur beispielsweise präsentiert sich als hybrides Stadtmodell an der Kreuzung zwischen algorithmischer (Überwachung), uberisierter (Verkauf von Dienstleistungen) und Open-Source-Stadtentwicklung (partizipative Planung). Das chinesische Modell hingegen basiert hauptsächlich auf der algorithmischen Dimension.

Einschätzung des Kompetenzzentrums Smart City

Berücksichtigt man diese Vielfalt an Modellen, die durch die Besonderheiten der jeweiligen Städte, ihre Bedürfnisse, Herausforderungen und Methoden bestimmt werden, wird klar: Jede Vision der Smart City muss an den individuellen Kontext angepasst werden. Denn eine Smart City soll mehr Wissen über die Umgebung und die Funktionsweise einer Stadt fördern und sie so effizienter gestalten. Es gilt, die verschiedenen Komponenten der Umgebung zu berücksichtigen, um die Digitalisierung nicht zu erzwingen, sondern den nötigen Raum dafür zu schaffen.

Eine Smart City kann nur dann erfolgreich sein, wenn ihr der ganzheitliche Stadtgedanke zugrunde liegt.