Ist die Smart-City eher high-tech oder eher low-tech?

Seit der Erkenntnis vor rund vierzig Jahren, dass gewisse Umwelteinflüsse vom Menschen gemacht sind, werden uns verschiedene Strömungen und Denkanstösse mit vielfältigen Ansätzen unterbreitet, wie wir der Klimakriseentgegentreten können. Die dabei angedachten Lösungen orientieren sich hauptsächlich am Begriff des Fortschritts, insbesondere des technischen Fortschritts.

Die grossen Herausforderungen für die Menschheit wurden oft durch technische Fortschritte gemeistert, beispielsweise in Form von neuen Technologien. Sie bieten Lösungen für alle möglichen Problemstellungen und leisten daher wie selbstverständlich auch einen Beitrag zur Bewältigung der Umweltkrise.

Die Grenzen des technischen Fortschritts

Seit Jahrzehnten beansprucht die Idee des Fortschritts, einen Wandel zum Besseren zu sein. Dem Fortschritt wird eine Hebelwirkung zugeschrieben: Er soll sich positiv auf das Glück oder auf eine verbesserte Lebensqualität auswirken, und manchmal wird er schlicht und einfach als Patentlösung angesehen. Doch angesichts der Klimakrise zeigen sich dem technischen Fortschritt innewohnende Unzulänglichkeiten, da sich die Probleme bloss auf verschiedene Art und Weise verschieben:

  • Rebound-Effekt oder Zunahme des Verbrauchs durch die fortschreitende Aufhebung der technologischen Grenzen: Die neuen Flugzeugmotoren etwa sind leistungsfähiger und verbrauchen weniger Kerosin. Damit ermöglichen sie zwar, die Sitze einer Maschine optimiert auszulasten und immer schneller zu reisen, doch die Standardisierung der Tickets zu immer niedrigeren und zugänglicheren Preisen hat im Endeffekt zu einem Anstieg des Luftverkehrs geführt. Der technologische Fortschritt hat also die globale Umweltbelastung nicht drosseln können, im Gegenteil: Der Fortschritt hat den Flugverkehr nur intensiviert.
  • Systemischer Effekt oder Verschiebung des Problems: Elektroautos gelten (abgesehen vom Herstellungsprozess) als energieeffizient. Die stete Standardisierung und das ständige Lob der Autos werden jedoch die gegenwärtigen Probleme wie Staus, die Zersiedelung durch die Verlängerung der Anfahrtswege oder die Abhängigkeit vom Auto nur weiter verstärken.
  • Paradox-Effekt durch hervorgerufene oder ausgelagerte Wirkungen: Die Komplexität der Instrumente im Hightechbereich führt zu einem bedeutenden Verbrauch von knappen Ressourcen, sowohl direkt (Produktion, Betrieb, Verbrauch) als auch indirekt (Unmöglichkeit der Wiederverwertung, Obsoleszenz).

Lowtech vs. Hightech

Angesichts der klimatischen Herausforderungen schätzen einerseits fortschrittstreue Stimmen, dass uns die Technologie über kurz oder lang ein Wachstum ermöglichen wird, das dank immer perfektionierterer Innovation sparsamer sein wird. Auf der Gegenseite findet sich die Idee des Lowtech, also die Ansicht, die Menschheit verfüge nicht über genügend Ressourcen und der Wirtschaft drohe eine Lahmlegung, wenn weiterhin in gleicher Weise produziert und konsumiert werde.

Lowtech widerspiegelt in erster Linie ein Misstrauen gegenüber Hightech. Das Lowtech-Konzept steht für einen Ansatz, bei dem die Gesamtheit unserer Entscheidungen auf allen Ebenen eine Wirtschaft der tatsächlichen und intelligenten Ressourcen anstrebt (Kreislaufwirtschaft). Mit dem Konzept wird in Frage gestellt, ob der technologische Nutzen angesichts der menschlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten angemessen und sparsam sei.Durch Gewohnheiten und Verhalten, die von der Technik losgelöst sind, liegt die Zukunft in der Anpassungsfähigkeit, der Vielseitigkeit und der öffentlich-privaten Hybridisierung.

Lowtech in der Stadt

Heute wird Boden als nicht-erneuerbare Ressource betrachtet, in gleicher Weise wie fossile Energieträger und Metalle. Angesichts der Notwendigkeit, den Raum und dessen Nutzung zu optimieren, erlauben Vorgehen, die keine Spitzentechnologie involvieren, den Raum vielfältig zu nutzen. Dieser Punkt knüpft direkt an das Konzept der 15-Minuten-Stadt an, bei dem je nach Jahreszeit, Woche oder Tag eine intelligente Nutzung des Raumes angestrebt wird, indem beispielsweise Schulen an Wochenenden als Orte der Gemeinschaft und Erholung genutzt werden.

Insgesamt geht es demnach nicht darum, sich zwischen High- und Lowtech zu entscheiden, sondern vielmehr, die Frage nach den unterschiedlichen Bedürfnissen ins Zentrum zu rücken.

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